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Gothic-/Fetisch- & Bizarre-Talk 22. 05. 2012, 17:14 *
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Autor Thema: Wie wär's mal mit einem wirklichen Lyrik-Quiz?  (Gelesen 6153 mal)
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cheeseroll
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« am: 08. 12. 2006, 14:11 »

Von wem ist das?:

Mein Körper ist voll Unvernunft,
ist gierig, faul und geil.
Tagtäglich geht er mehr kaputt,
ich mach' ihn wieder heil.

 Lächelnd
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Ich würde mich gerne mit Ihnen geistig duellieren.
Aber ich sehe, Sie sind unbewaffnet.
naglfari
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« Antworten #1 am: 08. 12. 2006, 15:08 »

Robert Gernhardt


Von wem ist das?:


Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt ? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen ?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkeln unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
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Schwarz zu sein bedeutet nicht,
ständig unter Depressionen zu leiden,
sondern die schwarzen Seiten des
Lebens zuzulassen.
Ellinian
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« Antworten #2 am: 08. 12. 2006, 15:18 »

Rainer Maria Rilke

Von wem ist das?:

Ein Mensch von innerem Gewicht
Liebt eine Frau. Doch sie ihn nicht.
Doch daß sie ihn nicht ganz verlöre,
Tut sie, als ob sie ihn erhöre.
Der Mensch hofft deshalb unverdrossen,
Sie habe ihn ins Herz geschlossen,
Darin er, zwar noch unansehnlich,
Bald wachse, einer Perle ähnlich.
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es lebe hoch die euphorie
doch mag ich auch melancholie
denn nur wer manchmal melancholisch
ist auch zur rechten zeit euphorisch
natürlich ist das rein rethorisch
doch das, das ist bei mir notorisch
cheeseroll
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« Antworten #3 am: 08. 12. 2006, 19:07 »

Eugen Roth

Und das?:

Alles endet, was entstehet.
Alles, alles rings vergehet,
Denn die Zeit flieht,
Und die Sonne sieht,
Dass alles rings vergehet,
Denken, Reden, Schmerz und Wonne;
Und die wir zu Enkeln hatten
Schwanken wie bei Tag die Schatten,
Wie ein Dunst im Windeshauch.
Menschen waren wir  ja auch,
Froh und traurig, so  wie ihr,
Und nun sind wir leblos hier,
Sind nur Erde, wie ihr sehet.
Alles endet, was entstehet.
Alles, alles rings vergehet.
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Ferun
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« Antworten #4 am: 09. 12. 2006, 18:52 »

Keine Ahnung, aber das ist sehr sicher ein Gedicht aus der Renaissance.... schätzungsweise. *grübel*

Sakra!
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dunkelbunt


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« Antworten #5 am: 09. 12. 2006, 20:25 »

Ferun ... ganz wichtig: Extremegoogling ...

Ergebnis: Michelangelo Buonarotti

Nächstes Problem: Oh Gotti, woher nehm ich jetzt ein Gedicht, dass mordsnachdenklich und gruftig wirkt  ....


Dunkel war's der Mond schien helle,
Schnee bedeckt die grüne Flur
als ein Auto blitzeschnelle,
langsam um die Ecke fuhr.

Drinnen saßen stehend Leute,
schweigend ins Gespräch vertieft,
als ein totgeschossner Hase,
auf der Sandbank Schlittschuh lief.

Und der Wagen fuhr im Trabe,
rückwärts einen Berg hinauf.
Droben zog ein alter Rabe
grade eine Turmuhr auf.

Ringsumher herrscht tiefes schweigen
und mit fürchterlichem Krach,
spielen in des Grases Zweigen
zwei Kamele lautlos Schach.

Und auf einer roten Parkbank,
die blau angestrichen war,
saß ein blondgelockter Jüngling
mit kohlrabenschwarzem Haar.

Neben ihm ne alte Schrulle,
zählte kaum erst 16 Jahr,
In der Hand ne' Butterstulle,
die mit Schmalz bestrichen war.

Droben auf dem Apfelbaume,
der sehr süße Birnen trug,
hing des Frühlings letzte Pflaume
und an Nüssen noch genug.

Von der regennassen Straße
wirbelte der Staub empor
und der Junge bei der Hitze
mächtig an den Ohren fror.

Beide Hände in den Taschen
hielt er sich die Augen zu.
Denn er konnte nicht ertragen,
wie nach Veilchen roch die Kuh.

Holder Engel, süßer Bengel,
furchtbar liebes Trampeltier.
Du hast Augen wie Sardellen,
alle Ochsen gleichen Dir.

Und zwei Fische liefen munter,
durch das Blaue Kornfeld hin.
Endlich ging die Sonne unter
und der graue Tag erschien.

Und das alles dichtet Goethe
Als er in der Morgenröte
Liegend auf dem Nachttopf saß
Und dabei die Zeitung las.



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naglfari
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« Antworten #6 am: 09. 12. 2006, 23:09 »

Christian Morgenstern


und das ?

Ich wandere durch die stille Nacht,
Da schleicht der Mond so heimlich sacht
Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
Und hin und her im Tal
Erwacht die Nachtigall,
Dann wieder alles grau und stille.

O wunderbarer Nachtgesang :
Von fern im Land der Ströme Gang,
Leis Schauern in den dunklen Bäumen -
Wirrst die Gedanken mir,
Mein irres Singen hier
Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.
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pepperpott
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« Antworten #7 am: 10. 12. 2006, 15:27 »

Joseph von Eichendorff - Nachts

*************************************
Ein Gedicht in Prosa:


Die Mondin, der Inbegriff der Launenhaftigkeit, hat durchs Fenster geblickt, während du in deiner Wiege schliefst, und sich gesagt: "Das kleine Mädchen gefällt mir" Und sie stieg weich auf ihrer Wolkentreppe herab und drang geräuschlos durch die Fensterscheiben. Dann breitete sie sich mit der schmiegsamen Zärtlichkeit einer Mutter über dich und legte ihre Farben auf dein Gesicht. Seither sind deine Augen grün und deine Wangen besonders blaß. Beim Anblick dieser Besucherin haben sich deine Augen so seltsam geweitet, und sie hat deine Kehle so zärtlich gedrückt, daß du davon für immer eine Neigung zum Weinen behalten hast.

Im Weiterwachsen ihrer Freude aber füllte die Mondin das ganze Zimmer wie ein schimmernder Dunst, wie ein leuchtendes Gift, und dieses ganze lebendige Licht dachte und sprach: "In alle Ewigkeit wirst du unter der Wirkung meines Kusses stehen. Du wirst schön sein auf meine Art. Du wirst lieben, was ich liebe und was micht liebt: das Wasser, die Wolken, die Stille und die Nacht, das unendliche grüne Meer, das ungeformte und vielgestaltige Wasser, den Ort, wo du nicht bist, den Geliebten, den du nicht kennst, unheimliche Blumen, geistverwirrende Düfte und die Katzen, die sich auf den Klavieren rekeln und wie Frauen seufzen: mit rauher, süßer Stimme.
Du wirst geliebt werden von meinen Liebhabern, meine Höflinge werden dir den Hof machen. Du wirst die Königin sein der Männer mit den grünen Augen, denen ich auch zärtlich bei der Nacht die Kehle umschlungen habe, der Männer, die das Meer, das unendliche, stürmische, grüne Meer lieben, das ungeformte und vielgestaltige Wasser, den Ort, wo sie nicht sind, die Frau, die sie nicht kennen, die Unglücksblumen, die den Weihrauchbecken einer unbekannten Religion gleichen, die Düfte, die den Willen brechen, und die wilden, wollüstigen Tiere als Wappenbilder ihres Wahns."

Und darum, du verwünschtes, geliebtes, verzogenes Kind, liege ich jetzt zu deinen Füßen und suche in deinem ganzen Wesen den Abglanz der furchtbaren Gottheit, der schicksalhaften Gevatterin, der giftmischenden Amme aller Mondsüchtigen.


 Smiley
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Ellinian
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« Antworten #8 am: 11. 12. 2006, 09:01 »

Charles Baudelaire

Und dieses?:

Füllest wieder Busch und Tal
Still mit Nebelglanz,
Lösest endlich auch einmal
Meine Seele ganz;

Breitest über mein Gefild
Lindernd deinen Blick,
Wie des Freundes Auge mild
Über mein Geschick.

Jeden Nachklang fühlt mein Herz
Froh und trüber Zeit
Wandle zwischen Freud und Schmerz
In der Einsamkeit.

Fließe, fließe, lieber Fluß!
Nimmer werd ich froh,
So verrauschte Scherz und Kuß,
Und die Treue so.

Ich besaß es doch einmal,
Was so köstlich ist!
Daß man doch zu seiner Qual
Nimmer es vergißt!

Rausche, Fluß, das Tal entlang,
Ohne Rast und Ruh,
Rausche, flüstre meinem Sang
Melodien zu.

Wenn du in der Winternacht
Wütend überschwillst,
Oder um die Frühlingspracht
Junger Knospen quillst.

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt

Was, von Menschen nicht gewußt
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.


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es lebe hoch die euphorie
doch mag ich auch melancholie
denn nur wer manchmal melancholisch
ist auch zur rechten zeit euphorisch
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« Antworten #9 am: 11. 12. 2006, 18:52 »

Johann Wolfgang von Goethe  "Auf dem Mond"

und dieses ?

Hätt` einer auch fast mehr Verstand
als wie die drei Weisen aus Morgenland
und ließe sich dünken, er wäre wohl nie
dem Sternlein nachgereist, wie sie;
dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest
seine Lichtlein wonniglich scheinen lässt,
fällt auch auf sein verständig Gesicht,
er mag es merken oder nicht,
ein freundlicher Strahl
des Wundersternes von dazumal.
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Ferun
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« Antworten #10 am: 11. 12. 2006, 23:06 »

Extrem-googeling....  ne, da mach ich nicht mit... püh
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« Antworten #11 am: 12. 12. 2006, 08:57 »

So schlimm wars bisher aber net, auch ohne Google .... Zwinkernd


Ach ja, Lösung: Wilhelm Busch

Und dieses hier?

Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen,
Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
Und alle Menschen gehen ihre Wege.
 
Und süße Früchte werden aus den herben
Und fallen nachts wie tote Vögel nieder
Und liegen wenig Tage und verderben.
 
Und immer weht der Wind, und immer wieder
Vernehmen wir und reden viele Worte
Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
 
Und Straßen laufen durch das Gras, und Orte
Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,
Und drohende, und totenhaft verdorrte...
 
Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen
Einander nie? und sind unzählig viele?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
 
Was frommt das alles uns und diese Spiele,
Die wir doch groß und ewig einsam sind
Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
 
Was frommts, dergleichen viel gesehen haben?
Und dennoch sagt der viel, der "Abend" sagt,
Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
 
Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.
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« Antworten #12 am: 12. 12. 2006, 10:12 »

Hugo von Hofmannsthal

und dieses ?

Wer je gelebt in Liebesarmen,
Der kann im Leben nie verarmen;
Und müßt er sterben fern, allein,
Er fühlte noch die sel´ge Stunde,
Wo er gelebt an ihrem Munde,
Und noch im Tode ist sie sein.
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cheeseroll
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« Antworten #13 am: 12. 12. 2006, 11:27 »

Theodor Storm

mal was ganz einfaches, aber ich find's so schön:

Die Made

Hinter eines Baumes Rinde
Wohnt die Made mit dem Kinde.

Sie ist Witwe, denn der Gatte,
den sie hatte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise
einer Ameise als Speise.

Eines Morgens sprach die Made:
"Liebes Kind, ich sehe gerade
drüben gibt es frischen Kohl,
den ich hol. So leb denn wohl!
Halt noch eins! Denk, was geschah,
geh nicht aus, denk an Papa!"

Also sprach sie und entwich.-
Made junior aber schlich
hintendrein; und das war schlecht!
Denn schon kam ein bunter Specht
und verschlang die kleine fade
Made ohne Gnade. Schade!

Hinter eines Baumes Rinde
ruft die Made nach dem Kinde...
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pepperpott
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« Antworten #14 am: 12. 12. 2006, 11:28 »

EDIT: uihh, das war fast gleichzeitig:  Theodor Storm war's  Smiley

und  cheeserolls gedicht ist von heinz erhardt Smiley (wirklich schön!!)

und hier noch'n gedicht:

************************* inklusive Titel, damit's nicht zu knifflig wird  ***********************

Schreiben, realistisch gesehen
(1964)

Worüber
kann ich noch schreiben
vielleicht ein Gedicht
über zerschlagene Waschmaschinen
über Straßenbau oder
junge Ehen

man rät mir viel
man korrigiert mich
man meint, es sei überflüssig
man trinkt und raucht
man geht fort

wenn ich am Schreibtisch sitze
vor einem weißen Blatt Papier
weiß ich nichts mehr -
die hydrographischen
Angaben von heute
mittag zwölf Uhr
in Meereshöhe
sind schöner, ich glaub es gern

denn
ach, das Meer
das ich noch nie gesehen habe
mein geheimer Unwille
meine große Müdigkeit
das Meer, das Meer
das zerstört
werden wird
in einem anderen Gedicht!
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Ellinian
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« Antworten #15 am: 12. 12. 2006, 11:39 »

Rolf Diter Brinkmann

und dies?

Das gelbe Laub erzittert,
Es fallen die Blätter herab;
Ach, alles, was hold und lieblich,
Verwelkt und sinkt ins Grab.

Die Gipfel des Waldes umflimmert
Ein schmerzlicher Sonnenschein;
Das mögen die letzten Küsse
Des scheidenden Sommers sein.

Mir ist, als müsst ich weinen
Aus tiefstem Herzensgrund;
Dies Bild erinnert mich wieder
An unsre Abschiedsstund'.

Ich musste von dir scheiden,
Und wusste, du stürbest bald;
Ich war der scheidende Sommer,
Du warst der kranke Wald.
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« Antworten #16 am: 12. 12. 2006, 12:21 »

Heinrich Heine


und dieses Huch



Zum Werke, das wir einst bereiten,
geziemt sich wohl ein ernstes Wort;
wenn gute Reden sie begleiten,
dann fließt die Arbeit munter fort.
So laßt uns jetzt mit Fleiß betrachten,
was durch die schwache Kraft entspringt.
Den schlechten Mann muß man verachten
der nie bedacht, was er vollbringt.
Das ist`s ja, was den Menschen zieret,
und dazu ward ihm der Verstand,
daß er im innern Herzen spüret,
was er erschafft mit seiner Hand.
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« Antworten #17 am: 12. 12. 2006, 12:39 »

da läuten bei mir ganz SCHILLERnd DIE GLOCKEn  Cool

*********************

... und hier eins von einem Dichter, den ich mag, für einen anderen, den ich auch mag. Das Gedicht ist aus den zwanziger Jahren (1926)

Haben Sie schon mal...?

Für Ernst Toller

Haben Sie schon mal, Herr Landgerichtsdirektor,
als Gefangener eine Nacht durchwacht?
Haben Sie schon mal vom Herrn Inspektor
einen Tritt bekommen, dass es kracht?
    Standen Sie schon mal, total verschüchtert,
    vor dem Tisch, wo einer untersuchungsrichtert?
        Ihnen ist das bis zum Ruhestand
        dienstlich nicht bekannt.

 

Haben Sie schon mal acht heiße Stunden
ein Verhör bestanden, das Sie nicht verstehn?
Haben Sie schon mal die Nachtsekunden
an der Zellenwand vorüberlaufen sehn?
    Oben dämmert ein Quadrat mit Gittern;
    unten liegt ein Tier und darf nur zittern ...
        Diese kleinen Züge sind in Ihrem Stand
        dienstlich nicht bekannt.

 

Aber Kommunistenjungen jagen,
wegen Hochverrat ins Loch gesperrt;
vor Gericht die Spitzel mild befragen,
Saal geräumt, wenn eine Mutter plärrt;
    Fememörder sanft verschoben,
    mit dem leisen Schleierblick nach oben,
    Existenzen glatt vernichtet,
    die von Waffenplätzen was berichtet ...
    Unglück rings verbreitet, Not und Qual –:
    Ja, das haben Sie schon mal –!
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« Antworten #18 am: 12. 12. 2006, 13:41 »

Kurt Tucholsky


uns dieses




Würde es mir fehlen...
 
 Heute früh nach gut durchschlafener Nacht,
bin ich fröhlich wieder aufgewacht.
Ich setze mich an den Frühstückstisch,
der Kaffee war warm, die Semmel frisch.
Ich habe die Morgenzeitung gelesen.
Es sind wieder Avancements gewesen.
Ich trat ans Fesnter, ich sah hinuner,
es trabte wieder, es klingelt munter,
eine Schürze,(beim Schlachter) hing über dem Stuhle,
kleine Mädchen gingen nach der Schule,
alles war freundlich, alles war nett,
aber wenn ich weiter geschlafen hätt
und tät von alledem nichts wissen,
 
Würde es mir fehlen,
würde ich es vermissen?
 
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« Antworten #19 am: 12. 12. 2006, 13:58 »

Oh, sehr gut !!! Und der Dichter ist noch'n Theodor, diesmal aber Fontane.

********************************



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« Antworten #20 am: 12. 12. 2006, 17:41 »

Georg Trakl

Und dieses?

Shall I compare thee to a summer's day?
Thou art more lovely and more temperate.
Rough winds do shake the darling buds of May,
And summer's lease hath all too short a date.
Sometime too hot the eye of heaven shines,
And often is his gold complexion dimm'd;
And every fair from fair sometime declines,
By chance or nature's changing course untrimm'd;
But thy eternal summer shall not fade
Nor lose possession of that fair thou ow'st;
Nor shall Death brag thou wander'st in his shade,
When in eternal lines to time thou grow'st:
So long as men can breathe or eyes can see,
So long lives this, and this gives life to thee.
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« Antworten #21 am: 12. 12. 2006, 18:11 »

üi der alte ....................Shakespeare


und dieses Huch


Wie kann der alte Äpfelbaum
So lockre Früchte tragen,
Wo Mistelbüsch' und Mooses Flaum
Aus jeder Ritze ragen?

Halb tot, halb lebend, wie ein Prinz
In einem Ammenmärchen,
Die eine Seite voll Gespinns,
Wurmfraß und Flockenhärchen,

Langt mit der andern, üppig rot,
Er in die Funkenreigen,
Die knatternd aus der Schmiede Schlot
Wie Srernraketen steigen;

Ein zweiter Scävola hält Jahr
Auf Jahr er seine Rechte
Der Glut entgegen, die kein Haar
Zu sengen sich erfrechte.

Und drunten geht es Pink und Pank,
Man hört die Flamme pfeifen,
Es keucht der Balg aus hohler Flank'
Und bildet Aschenstreifen;

Die Kohle knallt, und drüber dicht,
Mit Augen wie Pyropen,
Beugt sich das grimmige Gesicht
Des rußigen Cyklopen.

Er hält das Eisen in die Glut
Wie eine arme Seele,
Er knackt und spritzet Funkenblut
Und dunster blaue Schwele.

Dann auf dem Amboß, Schlag an Schlag,
Läßt es sein Weh erklingen,
Bis nun gekrümmt in Zorn und Schmach
Es kreucht zu Hufes Ringen.

Am Pförtchen scharrt der Rappe, schnaubt
Dem Schlackenstaub entgegen
Wo hinterm Hagen dichtbelaubt
Sich Liederklänge regen.

's ist eine Stimme fest und klar
Wie Morgenfrische heiter,
Nun durch die Spalten fliegen gar
Maßlieben, Dold und Kräuter.

Da wilder scharrt der Rappe, schwallt
Am Dach der Funkenreigen,
Und eine dunkle Nachtgestalt
Scheint aus dem Schlot zu steigen.

Und lockend sucht der Äpfel Schein
Den Hagen zu berühren,
Will Pluto hier am Blütenrain
Der Ceres Kind entführen?
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« Antworten #22 am: 13. 12. 2006, 08:13 »

Annette von Droste-Hülshoff

Und von wem ist dieses?:

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirrend Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. -
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt - ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton!
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirrend Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, -
Weh dem, der keine Heimat hat!
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« Antworten #23 am: 13. 12. 2006, 11:32 »

Friedrich Nietzsche


und dieses Huch

Ich arme, kleine Rose,
Ich steh an ihrem Fenster
Und soll ihr Fenster schmücken.
Doch ach, die Augen aller
Sehn nur nach meiner Herrin,
Und keines sieht nach mir hin!
Bin ich denn nicht die Rose,
Die Königin der Blumen,
Warum denn schaut ihr mich nicht,
Und schaut nur nach der Herrin?

Strahl ich nicht rötlich schimmernd,
Von Purpur übergossen?  
Zwar ihre zarten Wangen
Färbt Morgenrot, wie meine,
Und gern, wie gerne! tauscht ich!

Seht meine schlanken Stengel -
Zwar schlank ist sie wohl selber,
Und wer sie darf umfassen,
Gern mißt er meine Dornen.

Doch was gleicht meinen Knospen
Im Westwind lieblich spielend?
Und doch - als sie am Fenster
Sich, niederschauend, beugte,
Gewahrt ich Zwillingsknöspchen,
Gleich meinen rund und härtlich,
Gleich meinen halbgeschlossen,
Gleich meinen rötlich strahlend,
Gleich meinen leise wogend
Und strebend nach Enthüllung.

Doch seht im Blätterdunkel
Den vollen Kelch der Rose,
Mit kleinem Laub umsäumet,
Vom Rande, voll und schwellend,
Nach innen sanft sich wölbend,
In holder Scham errötend,
Ein Labyrinth von Blättern,
Die selber sich beschattend,
Gleich einer Grotte Dunkel,
Sich tief und immer tiefer
In Dämmernacht verlieren.  

Wann saht ihr an der Herrin
Wohl einen Reiz, gleich diesem?
Darin mag sie mir gleichen,
Dann will ich erst ihr weichen,
Dann reich ich ihr die Krone,
Und nenne sie die Rose,
Ich sie, die Rose selber.
 
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« Antworten #24 am: 13. 12. 2006, 14:32 »

Das ist vom Grillparzer Franz

voilà:

Das Ende der Eulen

ich spreche von euerm nicht,
ich spreche vom ende der eulen,
ich spreche von butt und wal
in ihrem dunklen haus..
dem siebenfältigen meer,
von den gletschern,
sie werden kalben zu früh,
rab und taube, gefiederten zeugen
von allem was lebt in den lüften
und wäldern, und den flechten im kies,
vom weglosen selbst, und vom grauen moor
und den leeren gebirgen.

auf radarschirmen leuchtend
zum letzten mal, ausgewertet
auf meldetischen, von antennen
tödlich befingert floridas sümpfe
und das sibirische eis, tier
und schilf und schiefer erwürgt
von warnketten, umzingelt
vom letzten manöver, arglos
unter schwebenden feuerglocken,
im ticken des ernstfalls.

wir sind schon vergessen,
sorgt euch nicht um die waisen,
aus dem sinn schlagt euch
die mündelsichern gefühle.
den ruhm, die rostfreien psalmen.
ich spreche nicht mehr von euch,
planern der spurlosen tat,
und von mir nicht, von keinem.
ich spreche von dem was nicht spricht,
von den sprachlosen zeugen,
von ottern und robben,
von den alten eulen der erde.

(kennt wahrscheinlich eh jeder. liest man ja oft in der schule...)

Gespeichert

Ich würde mich gerne mit Ihnen geistig duellieren.
Aber ich sehe, Sie sind unbewaffnet.
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The Bizarre Underground Magazine

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